Unser vorletzter Tag in Indien hatte tatsächlich noch einmal einige Überraschungen parat – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Aber der Reihe nach.
Der Vormittag begann ganz entspannt, wie so oft: mit einem gemütlichen Frühstück, bevor wir uns in eine Autorikscha setzten und zu einem neuen Ausgangspunkt bringen ließen. Diesmal starteten wir an der St. Francis Xavier’s Cathedral im Stadtteil Frazertown. Die Kathedrale, benannt nach dem Missionar Franz Xaver, stammt ursprünglich aus dem 19. Jahrhundert und wurde später erweitert. Sie beeindruckt mit ihrer ruhigen, fast europäischen Atmosphäre mitten im geschäftigen Bengaluru.
Frazertown selbst hat eine spannende Geschichte: Der Stadtteil geht auf die britische Kolonialzeit zurück und wurde nach einem britischen Offizier benannt. Bis heute spürt man hier den Einfluss dieser Zeit – breite Straßen, alte Bauten und eine starke muslimische und christliche Community prägen das Viertel. Beim Schlendern durch die Straßen begegnet man kleinen Bäckereien, Straßenständen und versteckten Cafés – ein wunderbar lebendiges Stück Stadt.
Nach einem ausgiebigen Rundgang ging es weiter in den eher unscheinbaren, aber nicht weniger interessanten Stadtteil Dooravani Nagar im Osten der Stadt. Der Name bedeutet so viel wie „Ort der Telekommunikation“ – kein Zufall, denn hier befanden sich früher wichtige Einrichtungen der indischen Post- und Telekommunikationsbehörde. Heute ist es vor allem ein Wohngebiet, das einen authentischen Einblick in den Alltag der lokalen Bevölkerung bietet.
Dort besuchten wir den hinduistischen Friedhof Vijanapura Hindu Rudrabhoomi. „Rudrabhoomi“ bezeichnet traditionell einen Ort der Feuerbestattung – eine zentrale Praxis im Hinduismus, bei der der Körper verbrannt wird, um die Seele auf ihrem Weg der Wiedergeburt freizugeben. Das Gelände wirkte zugleich ruhig und geheimnisvoll, mit verschiedenen Schreinen, Gedenkplätzen und überraschend viel Leben. Besonders kurios war das sogenannte „Mini Taj Mahal“, das sich ebenfalls auf dem Friedhof befindet. Es handelt sich um ein relativ modernes Grabmal, das offensichtlich vom berühmten Taj Mahal inspiriert ist – mit Kuppel, symmetrischem Aufbau und weißen Elementen. Allerdings wirkt es unfertig, fast wie ein Bauprojekt, das plötzlich stehen geblieben ist. Ob Geldmangel, Planänderung oder ein ganz anderer Grund dahintersteckt, bleibt wohl ein kleines Rätsel.
Noch überraschender wurde es, als uns einige junge Männer ansprachen und uns zu einem kleinen Kali-Tempel auf dem Gelände einluden. Neugierig folgten wir ihnen – und plötzlich standen wir mitten in einer spontanen, sehr herzlichen Begegnung. Einer der Männer entpuppte sich als Priester, und wir bekamen Blumen sowie Farbpulver als Segensgabe. Natürlich durften gemeinsame Fotos nicht fehlen.
Nach einer wohlverdienten Mittagspause ging es am späten Nachmittag weiter zur Orion Shopping Mall. Dort wurde uns einmal mehr der extreme Kontrast dieses Landes bewusst: Eben noch unterwegs in einfachen, teils ärmeren Vierteln – und plötzlich steht man in einem hochmodernen Einkaufszentrum mit internationalen Marken und westlichem Lifestyle.
Spannend war auch, die bekannten Logos und Markennamen in der lokalen Schrift zu sehen. Im Bundesstaat Karnataka ist die Amtssprache Kannada. Sie gehört zur dravidischen Sprachfamilie und hat eine ganz eigene Schrift mit runden, geschwungenen Zeichen – fast schon kunstvoll und für unsere Augen ungewohnt.
Und dann – der kleine Schockmoment des Tages: Eine unserer Kreditkarten war verschwunden. Nicht in der Geldbörse, nicht in der Tasche, nicht in der Hose. Zwar kein Drama, aber doch ärgerlich. Also begann das große Grübeln: Wann hatten wir sie zuletzt benutzt?
Nach einigem Hin und Her fiel es uns wieder ein – vor zwei Tagen in einem Chumbak-Laden (https://www.chumbak.com/). Wir hatten die Karte schon zum Bezahlen hingelegt, uns dann aber umentschieden und mit einer anderen Karte bezahlt… und offenbar die erste einfach liegen lassen.
Sofort organisierten wir ein Taxi zu dem etwa zehn Kilometer entfernten Geschäft und baten unseren Freund Dilip, unterdessen dort anzurufen. Und tatsächlich: Die Karte war noch da!
Als wir im Laden ankamen, wartete der Verkäufer bereits auf uns. Er entschuldigte sich, dass er uns nicht kontaktieren konnte – verständlich ohne Telefonnummer. Doch damit nicht genug: Er hatte auch noch eines unserer Mitbringsel für uns, das er damals vergessen hatte einzupacken – und das uns selbst gar nicht aufgefallen war.
Damit war klar: Dieser Mann wurde von uns offiziell zum „Mitarbeiter des Monats“ gekürt. Kreditkarte wieder da, Souvenirs komplett – und eine weitere dieser Geschichten im Gepäck, die eine Reise unvergesslich machen.
Bevor es dann für heute endgültig zurück ins Hotel ging, gönnten wir uns aber noch in einem kleinen aber feinen Café (https://anama.coffee/) einen kühlenden Eiskaffee und hatten noch ein nettes Gespräch mit den beiden Betreibern hinter der Theke.